Geschichte

Die Stolpersteine vor unserer Schule

Seit dem Jahr 2000 verlegt der Künstler Gunter Demnig sogenannte Stolpersteine und erinnert so an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Bis heute hat er über 5500 Steine in 97 Ortschaften verlegt. Die Stolpersteine vor unserer Schule unterscheiden sich etwas von den meisten anderen. Statt der üblichen Zeile „Hier wohnte“ sind auf ihnen die Worte „Hier lehrte“ eingraviert. Wir haben sie bewusst hier verlegen lassen, um auszudrücken, dass die Frauen, an die sie erinnern, als Lehrerinnen und Menschen an unserer Schule unvergessen ist.

Dorothea Bernstein

Brigitte Borchers

Ruth Held

Olga Schiffmann

Emma Simonssohn

Rede zur Einweihung des Stolpersteins für Dr. Dorothea Bernstein am 14. November 2005

Die Geschichte unserer Schule während der schrecklichen Jahre von 1933 bis 1945 ist lange im Dunkeln geblieben. Kaum einem lag daran, in den Nachkriegsjahren und bis in die Sechziger- und Siebzigerjahre hinein das Licht auf die dunklen Flecken deutscher Vergangenheit zu richten. Flecken, die da heißen: Wegschauen, Schweigen, die Gefahr nicht erkennen wollen, Verdrängen. Den Schülern unserer Generation hat man in der Schulchronik große Lücken hinterlassen. Die Zeit von 1933 bis 1945 wird darin nur äußerst spärlich behandelt. Einige Anekdoten, einige Daten, viel über Kinderlandverschickung und einiges über die Bombardierung 1943 – mehr nicht. Nichts, was darin hinweist auf die Veränderungen des Schulalltags am Lerchenfeld während dieser Zeit, kein Vermerk über Schicksale einzelner Schülerinnen, nur ungenaue Angaben über das Aus-dem-Dienst-Scheiden einiger Lehrer- und Lehrerinnen. Vor zwei Jahren haben einige von uns es sich gemeinsam mit unserem Schulleiter Herrn Hoge zur Aufgabe gemacht, diese Lücken zu füllen. Wir wollten mehr wissen über die Geschichte des Gymnasiums Lerchenfeld, mehr wissen über eine Generation, die einmal im selben Alter und am selben Ort eine so andere Schulzeit erlebt hat, als wir es heute tun. Also haben wir uns auf die Suche begeben. Informationen gesucht, Zeitzeugen gesucht, Antworten gesucht. Der Stolperstein, den wir heute einweihen, ist Symbol für ein Ergebnis unserer Suche. Er soll erinnern an Frau Dr. Dorothea Bernstein, die von 1927 bis 1933 Lehrerin unserer Schule war, und die 1942 im Konzentrationslager, vermutlich in Chelmno, in der Ukraine, ermordet wurde, weil sie Jüdin war. Er soll aufmerksam machen darauf, dass unsere Schule Vergangenheit hat, dass wir alle eine Vergangenheit haben. Er soll mit seinen 10x 10 cm eine erste Lücke füllen.

Dorothea Henriette Bernstein wurde am 10. August 1893 in Tilsit in Ostpreußen geboren. Ihre Eltern Aaron und Sophie Bernstein waren beide jüdischen Glaubens.

1914 legte sie ihre Reifeprüfung in Danzig ab, studierte Deutsch, Französisch und Philosophie in Königsberg, München und Hamburg und legte hier 1922 ihre Prüfung für das höhere Lehramt ab. Im gleichen Jahr promovierte sie zum Doktor der Philosophie.

An die Mädchen- Oberrealschule am Lerchenfeld kam sie zunächst als Vertretung für eine erkrankte Lehrkraft, im März 1927, nachdem sie am Oberlyzeum in Altona und an der Helene-Lange Schule einen Vorbereitungsdienst absolviert hatte. Zweieinhalb Jahre später wurde sie zur außerplanmäßigen Beamtin ernannt. Fräulein Bernstein unterrichtete Französisch und Deutsch in allen Klassenstufen.

Zeitzeugen beschreiben sie als sozial sehr engagierte Lehrerin, deren Unterricht streng, aber ausgezeichnet war. Sie gehörte zu den jüngsten Kolleginnen und stand den Problemen ihrer Schülerinnen sehr aufgeschlossen gegenüber. Eine ehemalige Schülerin erinnert sich daran, dass Frau Bernstein jeden Morgen einem Mädchen, dessen alkoholkranker Vater sie stark vernachlässigte, ein Frühstück mitbrachte.

Die Schüler schätzten ihre Art. Es heißt, man erlaubte sich in ihrer Gegenwart Bemerkungen, die man gegenüber anderen Lehrern nicht zu äußern gewagt hätte.

Am 25. September 1933 wurde Frau Dr. Bernstein auf Grund § 3 des Reichsgesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 07. April desselben Jahres ohne jedes Gehalt in den Zwangsruhestand versetzt, weil sie als Jüdin die in diesem Gesetz genannten Voraussetzungen für das Berufs-Beamtentum nicht länger erfüllte.

Am 1. Juni 1939 wurde sie an der letzten jüdischen Schule Hamburgs eingestellt, die aus der Zusammenlegung der Mädchenschule der Deutsch-Israelitischen Gemeinde mit der Talmud- Tora- Oberrealschule für Jungen hervorgegangen war und sich „Volks- und Höhere Schule für Juden“ nennen musste.

Diese Schule wurde von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland unterhalten, einer Zwangsorganisation der Nationalsozialisten, die zur Kontrolle der jüdischen Bevölkerung genutzt wurde. Diese war allerdings kaum noch zahlungsfähig und sah sich gezwungen, viele der letzten jüdischen Lehrer zu entlassen. So bekam Dr. Dorothea Bernstein im Juni 1941 das Kündigungsschreiben und schied am 16. Juli 1941 gänzlich aus dem Schuldienst aus.

Eine Lehrerin namens Dr. Duhne, zu der Frau Bernstein engen Kontakt hatte, berichtet von einem Anruf, in dem Dorothea Bernstein ihren Abtransport für den kommenden Tag ankündigte. Sie soll gesagt haben, sie habe noch einmal eine warme, menschliche Stimme hören wollen.

Am 25. Oktober 1941 wurde Fr. Dr. Bernstein mit dem ersten Deportationszug und 1033 anderen Juden nach Lodz (ehemals Litzmannstadt) in Polen deportiert. Von Lodz aus wurde sie am 5. Juni 1942 weiter deportiert, vermutlich nach Theresienstadt und später ermordet. Ob sie tatsächlich in Chelmno, oder bereits in Theresienstadt starb, wissen wir nicht.

Seit dem Jahr 2000 verlegt der Künstler Gunter Demnig sogenannte Stolpersteine und erinnert so an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Bis heute hat er über 5500 Steine in 97 Ortschaften verlegt. Der Stolperstein, den wir heute für Dorothea Bernstein einweihen, unterscheidet sich etwas von den meisten anderen. Statt der üblichen Zeile „Hier wohnte“ sind auf ihm die Worte „Hier lehrte“ eingraviert. Wir haben ihn bewusst hier verlegen lassen, um auszudrücken, dass Frau Bernstein als Lehrerin und Mensch an unserer Schule unvergessen ist. Und um deutlich zu machen, dass sie für uns hier hergehörte, an diese Schule, und dass sie damit für immer ein Teil unserer Schule und der Geschichte des Gymnasiums Lerchenfeld bleiben wird. “Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist”, sagt Gunter Demnig. Mit diesem Stein vor unserem Schuleingang wollen wir die Erinnerung an diesen Menschen, Frau Dr. Dorothea Bernstein, die einst hier lehrte, lebendig halten.

Neben Frau Bernstein sind wir bei unserer Arbeit auch auf die Schicksale einiger anderer Menschen gestoßen, die am Lerchenfeld eine besonders schwierige Zeit durchlitten, und an die wir mit unserer kleinen Ausstellung, die wir heute eröffnen, erinnern möchten. Zwei weitere jüdische Lehrerinnen, die mit Frau Bernstein befreundet waren, und die am Ende mehr Glück hatten als sie, weil sie sich rechtzeitig zur Flucht entschieden: Frau Emma Simonssohn und Frau Dr. Olga Schiffmann. Und Brigitte Borchers, eine Schülerin, die 1942 wegen wiederholter kritischer und ablehnender Äußerungen über Maßnahmen der Regierung der Schule verwiesen wurde. Und nicht zuletzt Ruth Held, eine Schülerin, die jahrelang ihr Leben gefährdete, um Juden heimlich mit Lebensmitteln zu versorgen – im Bündnis mit ihrer Deutschlehrerin, Fräulein Strehl. Schicksale, die uns berührt und mit denen wir uns intensiv beschäftigt haben, um heute anderen von ihnen berichten zu können. Schicksale, die nicht länger der Vergangenheit angehören sollen. Frau Ruth Held durften wir im letzten Jahr persönlich kennen lernen, sie besuchte unsere Arbeitsgemeinschaft und ließ sich von uns interviewen. So ist es uns gelungen, zumindest im Fall ihrer Geschichte zu einer weitgehend authentischen Darstellung der Ereignisse zu gelangen. Denn alles, was wir Nachgeborenen zusammentragen können, hat Lücken und kann nicht so unmittelbar sein wie das Erlebte. Dennoch sollten wir nicht aufhören uns darum zu bemühen, der Vergangenheit nahe zu kommen. Der Stolperstein, der jetzt hier vor unserer Schule liegt, wird uns dabei helfen.

Vielen Dank.

Maris Hubschmid