Im Reich der Mitte gehen die Uhren anders
Schüleraustausch des Gymnasiums Lerchenfeld mit der Ganquan Middle School in Shanghai
Nach einem halben Jahr intensiver Vorbereitung war es am 25. September endlich soweit: 14 Schüler der Jahrgangsstufe 11 des Gymnasiums Lerchenfeld starteten mit vagen Vorstellungen und gemischten Erwartungen in Begleitung ihres Lehrers Hartmut Wendt und seiner Frau für 3 Wochen ins Reich der Mitte.
Auf dem Programm standen zwei Wochen Schulbesuch in Shanghai, Wohnen in chinesischen Gastfamilien und als krönender Abschluss eine Woche Sightseeing in Peking und Umgebung.
Die Hamburger Gruppe wurde sehr herzlich empfangen. Für die chinesische Schule war es offensichtlich ein ebenso großes Ereignis wie für die deutschen Gäste. Die erste Begegnung mit den Gastschülern erwies sich als erstaunlich unkompliziert, obwohl die chinesischen Schüler zwei bis drei Jahre jünger waren als ihre Gäste und nur ein wenig Deutsch sprachen, das sie in der Schule als Unterrichtsfach haben.
Die Welt der neuen chinesischen Freunde unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der gewohnten Umgebung in Hamburg. Es begann mit den Bodyguards am großen goldenen Eingangstor der Ganquan Middle School. Auch ungewohnt: Die 1.000 Schüler treffen sich jeden Morgen zum Appell auf dem Schulhof. Dies und alles andere verläuft sehr diszipliniert und selbstverständlich tragen alle eine Schuluniform. Als die Hamburger Schüler zu ihrem ersten Appell erschienen, durften sie sich der versammelten Schulgemeinde vom Balkon aus vorstellen. „Ich heiße Nils, ich komme aus Hamburg und ich bin 16 Jahre alt.“
Auf dem Stundenplan der deutschen Gastschüler standen neben Chinesisch auch Kalligraphie, die Kunst mit dem Pinsel Schriftzeichen zu malen, und Tai Chi. Die Anleitung für die völlig neuen gymnastischen Übungen lautete z.B.: „Melone tragen, Melone zerschneiden, Melone verteilen“. Mit diesen Bildern im Kopf klappte es ganz ordentlich. Was die Schüler im Kalligraphie-Unterricht geschrieben haben, sah toll aus. Was die Zeichen bedeuteten, blieb allerdings ein Geheimnis.
Im Unterschied zum Gewohnten lief das Unterrichtsgespräch im chinesischen Klassenraum sehr gelenkt und mit häufigen Wiederholungen ab. Allerdings gab es durchaus auch Störungen und Albereien, was die Hamburger Schüler erleichtert zur Kenntnis nahmen.
Aufregend waren die Begegnungen mit den Gastfamilien. Der Lebensstandard in Shanghai ist ein ganz anderer als in Hamburg. Die Wohnungen sind klein, manche Familie lebt mit ihren Kindern in zwei Zimmern. Davon wurde dann eins für das Gastkind geräumt. Die Begegnungen waren auch hier von großer Herzlichkeit geprägt.
Hamburger Schülern ist chinesische Küche nicht unbekannt – jeder war schon mal beim Chinesen –, aber das, was man in China isst, hat damit oft wenig zu tun. Die Speisekarten sind voller Überraschungen, und fordern nicht selten viel Überwindung. Zur Wahl standen neben Reis- und Nudelgerichten auch Schlangen, Skorpione und Seepferdchen, so dass man sich an manchen Tagen in die gewohnten Fastfood-Stationen von Kentucky Fried Chicken, Pizza Hut und McDonalds rettete – wobei man wenig über China, dafür mehr über die Angleichung der Lebensstile lernt.
Auf dem Programm der letzten Woche standen die chinesische Mauer, die verbotene Stadt, der Platz des himmlischen Friedens und die Expo, wo mit dem deutschen Pavillon wieder vertrautes Terrain betreten wurde.
Als Fazit bleiben die Erinnerungen an eine Welt, die der unseren im Hinblick auf den Alltag oft ähnlich ist. Gleichzeitig gibt es die großen kulturellen und politischen Unterschiede und die Rolle Chinas in der Globalisierung, die bei uns oft Befürchtungen auslöst. Alles zusammen gibt viel Gesprächsstoff für die Nachbereitung im Politikunterricht.
Vor allem aber freut sich das Gymnasium Lerchenfeld auf den Gegenbesuch im nächsten Jahr.
Der Austausch soll fortgesetzt werden, das Lerchenfeld wird damit in besonderer Weise zum Dialog der Kulturen beitragen.

