Verloren in Helsinki

Ein postdramatisches Stück über die Liebe 2009

DSP Kurs 10 unter der Leitung von Marina Wilde

Inspiriert von einer ganzseitigen Kontaktanzeige, die in einer
Tageszeitung in Helsinki veröffentlicht wurde, haben wir uns Gedanken
über die Liebe in unseren Zeiten gemacht. Verlieben, lieben und
entlieben sind immer aktuelle Themen, aber wie sehen Beziehungen
heute aus? Wie denken 15-17-Jährige über Liebe? Die Schüler haben
Monologe und Dialoge geschrieben. Sie haben die berühmteste
Liebesgeschichte der Welt gelesen, Filme nacherzählt und  aktuelle
Nachrichten aufgegriffen. Sie erzählen nicht eine Geschichte, sondern
das Wesentliche aus ganz vielen Geschichten. Das Ergebnis ist eine
Szenen-Collage nach dem Vorbild von Falk Richter. Das Publikum wurde
dabei stellenweise mit einbezogen. So wurde zum Beispiel eine Jury
ernannt, die die beste Besetzung für die Rolle der Julia bewerten
sollte. Und die Schauspieler haben dem Publikum Komplimente gemacht,
den Zuschauern also ein schönes Gefühl geschenkt. Am Ende durfte
getanzt werden. Auf der Bühne.

Ein Dialog und drei Monologe

Paris

J: Er hat mich angerufen.

A: Wer hat dich angerufen?

J: Ja, David.

A: David hat m i c h angerufen!

J: Er hat mich gefragt ob wir zusammen in Urlaub fahren.

A: Hä? Das hat m i c h gefragt.

J: Wir fahren zusammen nach Paris.

A: W i r fahren zusammen nach Paris.

J: Das Hotel ist schon gebucht.

A: U n s e r e Suite ist schon gebucht und der 1. Klasse-Flug ist reserviert!

A: Meine Nachbarin hat schon meine Katze abgeholt.

J: Und meine gießt die Blumen.

A: Ich hab meine Tochter schon zu meiner Schwester gebracht.

J: Mein Sohn ist auch schon bei meinem Ex.

A: Ich komme gerade frisch von der Maniküre.

J: Ich war gerade beim Ganzkörperwaxing.

A: Meine neue Frisur ist dir wohl gar nicht aufgefallen.

J: Ich habe gerade 200 Euro für eine neue Gucci-Sonnenbrille ausgegeben.

A: Mein Koffer ist schon gepackt, inklusive der Präservative.

J: Mein Koffer ist schon längst am Flughafen.

Außerdem müsste mein Taxi gleich kommen.

A: Ich hab schon eingecheckt.

J: Dann müssen wir wohl zusammen fliegen.

A: Und zwar ohne ihn!

Monolog

Sie war eine Austausch-Schülerin aus Griechenland. Jeden Morgen auf dem Weg zur Schule traf ich sie. Sie ging auf der gegenüberliegenden Seite. Manchmal hatte sie die kleine Tochter ihrer Gastfamilie dabei. Verliebt habe ich mich in sie, als ich sie das erste Mal sah. Ihre glänzenden langen Haare hatten mir schon Beine aus Wackelpudding gemacht, doch als ich ihr Lachen hörte, schmolz ich dahin. Jeden morgen nahm ich mir fest vor sie anzusprechen. Aber ich habe mich nie getraut. Eines Tages sagt ich mir: so kann es nicht weitergehen. Tu es einfach. Heute musst du es tun. Was kann schon passieren. Aber sie kam nicht mehr. Ich wartete und wartete. Als sie nach 2 Stunden immer noch nicht auftauchte, ging ich zu ihrer Gastfamilie. Sie war zurück in Griechenland. Ich hatte meine Chance vertan.


Monolog

Ich liebe dich. Ich weiß nicht wie oft ich diese Worte schon gesagt habe, ich weiß nur, dass sie nie wirklich Bedeutung hatten, sie waren dahin gesagt, einfach in den Raum geworfen. Ich fragte mich ob sich diese Worte überhaupt eines Tages in meinen Ohren richtig anhören könnten, würden sie voller Ernsthaftigkeit und voller Liebe über meine Lippen kommen? Mit dieser Frage blieb ich alleine, alleine als ein Mensch der nicht wusste was Liebe ist. Aber als ich letztes Jahr an einem lauen Augustabend bei Freunden zum Essen eingeladen war, traf ich ihn. Denjenigen Menschen, der mir gezeigt hat, dass es Liebe gibt. Es war wie ein Rausch, ich war high, ich war high von Liebe. Am liebsten hätte ich den ganzen Tag nur noch diese drei Worte gesagt, von morgens bis abends, vom Aufstehen bis zum Zubettgehen, vom Frühstück bis zum Abendbrot. Aber das Beste war, dass ich sie endlich ernst meinte, und voller Liebe sagen konnte: Ich liebe dich.

Monolog

Vor einiger Zeit saß ich im Stadion meines Lieblingsvereins und war völlig geknickt, weil dieser schon wieder am verlieren war. Ich sah mich um! Nur leere, niedergeschlagene Gesichter. Bis auf eines. Das Gesicht gehörte der Brezelverkäuferin im Stadion. Sie strahlte über beide Ohren. Sie war so wun…der…schön…, ich musste sie immerzu ansehen. Das Fußballspiel war mir von nun an egal. Ich ging zu ihr rüber, um mir eine Brezel zu kaufen. Als ich vor ihr stand, begann ich zu zittern. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich traute mich jedoch nicht, sie anzusprechen. Ich war jedes Spiel im Stadion. Auf demselben Platz. Nur, nur um sie wieder zu sehen. Eines Tages traute ich mich dann und ging zu ihr rüber. Ich sprach sie an, ob wir uns nach dem Spiel treffen können, sie antwortete mir Ja. Ich war glücklich. Ich wartete auf sie. Sie kam. Wir unterhielten uns die ganze Nacht. Wir verstanden uns gut. Wir trafen uns wieder, wieder und wieder.