Artikel

(26.Oktober 2007: Schulranking im Hamburger Abendblatt)

70,4% sagen etwas aus, aber was?
oder: Wie eine gedankenlose Schlagzeile 2 Jahre schulische Aufbauarbeit in Frage stellt

Wollte das Hamburger Abendblatt seiner Informationspflicht in dem sensiblen Bereich Schule nachkommen und Eltern eine Hilfestellung bei der Wahl der richtigen Schule geben? Oder ging es um die schnelle und plakative Schlagzeile? In beiden Fällen muss von einem verantwortungslosen Vorgehen gesprochen werden.

Am 26. Oktober erschien auf Seite 1 des Hamburger Abendblattes ein Artikel von Peter Ulrich Meier unter der Überschrift “Hamburgs erfolgreichste Schulen”, ergänzt durch eine Rangliste auf der Hamburg-Seite – überschrieben: die “Hamburger Schulen – die Tops und Flops”. Als Messgröße für das Ranking kam eine “Abiturquote” für das Schuljahr 2005-06 zum Einsatz – ein bis dahin unbekannter Indikator – und das Gymnasium Lerchenfeld lag mit 70,4 % in der Gruppe der “Flops”. Grundlage des Artikels waren Zahlen, die die BBS als Antwort auf eine Große Anfrage der SPD herausgegeben hatte. Während andere Zeitungen diese Daten nutzten, um auf das eigentliche Problem aufmerksam zu machen, nämlich die Zahl der Schulabbrecher in der Stadt, errechnete das Abendblatt daraus die ominöse “Abiturquote”. Die so genannte Abiturquote gibt nicht, wie man zunächst vermuten könnte, den Anteil derjenigen Prüflinge an, die das Abitur nicht geschafft haben. Das waren am Gymnasium Lerchenfeld 06 zwei. Im Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2006 haben bei uns 2,3 Schülerinnen und Schüler die Abiturprüfung nicht bestanden, bei Abiturjahrgängen, deren Zahl zwischen 30 und 60 Schüler lag. Das Nichtbestehen des Abiturs ist also seltene Ausnahme. Mit jedem einzelnen der gescheiterten Prüflinge wurden, sobald sich die Schwierigkeiten abzeichneten, intensive Versuche unternommen, die Rückstände aufzuholen. Aber der Besuch des Gymnasiums ist verständlicherweise keine Garantie für einen erfolgreichen Abschluss.

Wie kam die “Abiturquote” von 70,4% nun zustande?

Am Ende des Schuljahres 2005/2006 haben 27 Schüler/ innen (ab Klasse 9) unsere Schule verlassen. Darunter waren 2 mit Hauptschulabschluss – Schüler, die am Ende der Klasse 10 das Gymnasium nach zweimaliger Nichtversetzung verlassen mussten – 4 mit Realschulabschluss – Schüler,die nicht die Oberstufe des Gymnasiums besuchen wollten oder konnten – und 2 Schülerinnen, die das Abitur nicht bestanden haben. Das ist ganz sicher keine Kennzahl für den Erfolg pädagogischer Arbeit. Wenn in Hamburg 50 % aller Viertklässler in Gymnasien eingeschult werden, ist damit nicht die Garantie für eine erfolgreiche Abiturprüfung verbunden. Die inhaltlichen Ansprüche des Gymnasiums machen es nicht allen leicht. Aber das ist ja wohl auch kaum gewollt. Im Verlauf der Mittelstufe verlassen junge Menschen aus unterschiedlichen Gründen das Gymnasium – und das gilt für alle Schulen dieser Schulform in Hamburg. Wir beraten Abgänger intensiv im Hinblick auf andere Möglichkeiten für den Start in die berufliche Zukunft, der sich häufig gerade dann erfolgreich gestaltet, wenn rechtzeitig die richtige Entscheiddung zur Schullaufbahn getroffen wird. Deshalb lässt das undifferenzierte Umgehen mit einer – wie auch immer definierten – Abschlussquote die Frage nach der Qualität der Abschlüsse völlig außen vor.

Was mit abwertenden Artikeln wie dem vorliegenden erreicht wird, ist fatal: Eltern, die vor der Frage stehen, welche Schule für ihr Kind die richtige sein könnte, werden durch diese Zahlenspielereien verunsichert. Und die Arbeit derjenigen, die in den Schulen mit gutem Unterricht und sorgfältiger pädagogischer Betreuung dafür sorgen, dass so viele junge Menschen wie möglich ihre Schulzeit erfolgreich hinter sich bringen, wird diskreditiert. Zusätzlich ist dies gerade für viele engagierte Kollegen, die an unserer Schule in den letzten Jahre versuchen, neue Wege zu gehen – von Förderprogrammen über verstärkte Medienerziehung bis hin zu bilingualem Unterrichtsangebot – ein Schlag ins Gesicht. Die Elternschaft unserer Schule ist empört über die völlig schiefe Darstellung. Die Schule hat alle Hände voll zu tun, Schaden abzuwenden.

P.S.: Im Vorjahr lagen wir übrigens nach der “Abiturquote” des Abendblattes bei 86%, alles wäre in Ordnung gewesen. Neben aller Willkür also auch ein rein zufällig zu Stande gekommenes Urteil.

HW Hoge